praevenire Gesundheitstage

Künstliche Intelligenz gerade erst so gut wie der Mensch

KI in der Medizin gilt als eine große Zukunftshoffnung, noch ist sie aber verbesserungsfähig. In Zukunft werden Algorithmen wesentliche Teile der Rolle von Experten und der Produktion neuen Wissens übernehmen. Algorithmen müssen validiert, in sie einfließende Vorurteile ausgeglichen werden, hieß am Montag bei einem Workshop der Praevenire Gesundheitstage im Stift Seitenstetten zum Thema „Digital Health“.

red/Agenturen

Was derzeit neuronale Netzwerke, Algorithmen und Maschinenlernen imstande sind, ist erst der Anfang. „Künstliche Intelligenz soll dem Menschen helfen, große Datenmengen aufzubereiten, damit wir verwertbare Erkenntnis bekommen. Aktuell hat Künstliche Intelligenz begonnen, mit der menschlichen Leistung gleichzuziehen und hat sie in einigen Fällen sogar übertroffen. In Zukunft wird sie die menschliche Leistung und das logische Denken bei komplexen Aufgaben übertreffen“, sagte Dietmar Maierhofer von der Abteilung für Healthcare Informatics bei Philips Austria. Prozessverbesserung, mehr Empowerment für Patienten, bessere Sicht auf das Gesundheitswesen insgesamt und ähnliche Ziele würden in Zukunft immer mehr auf intelligente Algorithmen angewiesen sein. „In der Medizin ganz wichtig ist die Unterstützung in der Entscheidungsfindung“, sagte Maierhofer.

„Wir sehen die ersten Fortschritte mit der Künstlichen Intelligenz, wo es um relativ einfache Dinge geht, zum Beispiel in der Bildanalyse. Auch in der Mammografie ist der Algorithmus oft sicherer als das menschliche Urteilungsvermögen“, sagte der Salzburger Onkologe Richard Greil. Computerprogramme werden auch nicht müde, haben nicht „schlecht geschlafen“ oder sind durch andere dem Menschen charakterisierende Einflussfaktoren einmal genauer, das andere Mal ungenauer.

Durchsetzen dürfte sich Künstliche Intelligenz und Algorithmen, die mit jeder Erfahrung faktisch ewig dazulernen können, laut Greil vor allem wegen der immer größer werdenden Datenmengen in der Medizin: „Wir rechnen damit, dass in fünf Jahren für eine einzige Entscheidung bei einem Krebspatienten 10.000 Daten notwendig sein werden.“ Wenn man beispielsweise von an einer Krebserkrankung beteiligten 450 Genmutationen annehme, liege die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch exakt die selbe Krebserkrankung aufweise wie ein anderer, schon bei weniger als ein Prozent. Mutationen im zeitlichen Verlauf einer solchen Krankheit, die auch noch von Zelle zu Zelle unterschiedlich sein könnten, epigenetische Faktoren und vieles Andere könnten nur noch mit neuen Verfahren der Informationsverarbeitung analysiert und vor allem integriert werden.

Arztberuf wird sich durch KI ändern

Sprichwörtlich objektiv sind diese Systeme aber nicht, weil sie ja von Menschen entworfen worden sind. „Die Daten, die wir haben sind nicht unbiased (ausgewogen; Anm.). Sie haben die gesellschaftlichen Vorurteile in sich“, sagte Greil.

Der Arztberuf wird sich jedenfalls unter Einfluss von Künstlicher Intelligenz in den medizinischen Systemen deutlich verändern, postulierte Joachim Buhmann, Leiter des Instituts für maschinelles Lernen der ETH-Zürich: „Der Arzt als Medizinexperte wird Konkurrenz bekommen. Der Arzt als Wissensproduzent wird Konkurrenz bekommen. Der Arzt als Gesundheitsberater erscheint mir in den nächsten Jahren als resistent. In zwei bis drei Generationen werden die Maschinen klüger als wir sein.“

Der Clou: Durch die Analyse von Big Data per Künstlicher Intelligenz lassen sich Fragen beantworten, ohne, dass der Fragesteller weiß, wie das funktioniert. Aus riesigen Datenmengen, die für den Menschen völlig unüberschaubar sind, können Muster abgelesen werden, die zu neuen Hypothesen führen und dann im Experiment getestet werden. Dieser Ablauf lässt sich aber auch umkehren. Die Systeme verbinden Deduktion und Induktion auf völlig neue Art.

Buhmann: „Die Algorithmen wird man nicht verstehen müssen. Aber man muss sie einschätzen und kontrollieren können. Die Algorithmen müssen validiert werden. Künstliche Intelligenz wird unsere Welt fundamental verändern.“