Substitutionsbericht für Tirol 2021 – Ärztemangel gefährdet stabile Versorgungslage

Zwölf Jahre nach einem 2008 erschienenen Bericht über die Versorgungslage drogenkranker Menschen in Tirol evaluierte ein Ärzteteam des Referates für Suchtmedizin der Ärztekammer für Tirol die aktuelle Lage. Waren 2008 nur 30% der Opiatabhängigen in Tirol in einer Substitutionsbehandlung, so sind es derzeit ca. 56%. Während die Anzahl der Patient:innen zugenommen hat, ist im selben Zeitraum die Zahl der substituierenden Ärzt:innen um 30% zurückgegangen.

red/Agenturen

Die Zunahme der Patient:innen über 35 Jahren gibt einen deutlichen Hinweis darauf, dass die verbesserte ärztliche Versorgung auch mit einer Erhöhung der Überlebensrate einhergeht, so die Autoren des Berichts.

Menschen in einer Opioid-Substitutionsbehandlung leben in allen Tiroler Bezirken. Allerdings werden Substitutionsbehandlungen aktuell nur in fünf Tiroler Bezirken angeboten (Innsbruck Stadt, Innsbruck Land, Kufstein, Landeck und Lienz). Dort werden ca. 60% der knapp über 1100 Tiroler Patient:innen in Krankenhausambulanzen und etwa 40% durch niedergelassene Ärzt:innen behandelt.

Zunahme der Substitutionsbehandlungen bei Abnahme der behandelnden Ärzt:innen

Während die Anzahl der Menschen in Behandlung zugenommen hat, ist im selben Zeitraum die Zahl der substituierenden Ärzt:innen um 30% zurückgegangen. Besonders eklatant war die Abnahme von 41% im niedergelassenen Bereich. Das Versorgungsdefizit konnte von den Ambulanzen, trotz ebenfalls angespannter Personaldecke, aufgefangen werden. Die neu hinzugekommenen Ambulanzen am KH Zams (2019) und im LKH Hall (seit 2013) trugen wesentlich dazu bei.

Die abnehmende Zahl und die Altersstruktur der substituierenden Ärzt:innen signalisiert dringenden Handlungsbedarf, so die Autoren des Berichtes. Schließlich liege das Durchschnittsalter im niedergelassenen Bereich bei 58 Jahren, wobei fast die Hälfte über 60 Jahre alt ist und in IBK Stadt lediglich 10% der Ärzt:innen, die Drogenersatzbehandlungen durchführen, unter 50 Jahren sind. Obwohl es gesundheitspolitisch wichtig wäre die Behandlungsquote von derzeit knapp 60% der an Opiatsucht erkrankten Menschen in Tirol zu steigern, lässt sich dieses Ziel aufgrund der beschränkten Personalressourcen derzeit nicht erreichen, begründen die Autoren ihre dringende Forderung nach Maßnahmen, zusätzliche Ärzt:innen für die Opioid-Substitutionsbehandlung zu gewinnen.

Weiterentwicklung der Substitutionstherapie gefordert

Wir wollten damit, so Dr. Ekkehard Madlung-Kratzer, einer der Autoren des Berichtes, eine Grundlage schaffen, auf der gesundheitspolitische Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Opioid-Substitutionsbehandlung (OST) und zur Verbesserung von Behandlungsangeboten für drogenkranke Menschen geplant werden können. Bei der Substitutionstherapie Opioidabhängiger, erklärt der Psychiater und Oberarzt am psychiatrischen Krankenhaus in Hall, Dr. Madlung-Kratzer, handelt es sich um eine Drogenersatzbehandlung mit ärztlich verordneten Substanzen, die 1987 in Österreich eingeführt wurde.

Seit 37 Jahren versuchen seither speziell für diese Behandlungsform ausgebildete Ärzt:innen Drogenkranke aus der Illegalität der Drogenbeschaffung und des Drogenkonsums in ein strukturiertes und kontrolliertes Behandlungsregime ihrer Abhängigkeitserkrankung zu begleiten. Dazu gehören auch die Stärkung des allgemeinen Gesundheitszustandes und die soziale wie auch berufliche Reintegration. Die Drogenersatztherapie kann ein Weg zur vollständigen Abstinenz von Drogen sein. Allerdings ist auch, so der Drogenexperte Dr. Madlung-Kratzer, eine über Jahre gehende Dauersubstitution zur Stabilisierung des Gesundheitszustandes und der sozialen Situation der Betroffenen eine medizinisch anerkannte und rechtlich gedeckte Vorgangsweise.