praevenire Gesundheitstage

„Wir brauchen digitale Lösungen"

Die Medizin muss digitalisiert werden, wenn sie bei immer mehr Informationen aus diagnostischen Verfahren auch eine optimale Therapie bieten will. Das gilt besonders für die Onkologie. Österreichische Krebsspezialisten sprachen sich jetzt im Vorlauf zu den Praevenire Gesundheitstagen für nationale Online-Tumorboards und eine einheitliche Dokumentation aller wichtigen Informationen aus. Die Gesundheitstage finden heuer von 18. bis 20. Mai im Stift Seitenstetten statt.

red/Agenturen

„Wir brauchen digitale Lösungen“, sagte Philipp Jost, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie der MedUni Graz. Die Gründe dafür, so der Experte: „Wir bekommen immer mehr molekulare Daten (über die Charakteristik der individuell vorliegenden Tumorerkrankung; Anm.). Das wird immer einfacher. Danach sucht man infrage kommende Therapien. Aber erst dann muss entschieden werden, welche der vorhandenen Therapien ausgewählt und angewendet wird. Es geht um die Interpretation der Daten.“

Mittlerweile gehört die molekularbiologische Charakterisierung von Tumor-Gewebeproben auf die detaillierten genetischen Mutationen zur Routine in der Onkologie. Gleichzeitig wird die Zahl ganz gezielt und personalisiert einsetzbarer Therapien immer größer. Die Informationsmengen sind enorm. Doch entscheidend sind Interpretation und Schlussfolgerungen. Und hier kommt es vordringlich auf die Expertise von hoch spezialisierten Fachleuten an. Vor einigen Jahren wurden deshalb an vielen Kliniken Tumorboards eingerichtet. Doch in Zukunft sollte das Wissen der Fachleute auch überregional gebündelt werden können.

Daten österreichweit interpretieren

Jost nannte dazu ein Beispiel: „Wir finden typische genetische Veränderungen in vielen Tumoren. Das können zum Beispiel BRCA1/BRCA2-Mutationen sein. Hier gibt es beispielsweise die sogenannten PARP-Inhibitoren, die dann wirken können. Doch nur beim Mamma-, beim Ovarial-, Prostata- und Pankreaskarzinom sind solche Mutationen wirklich bedeutend.“

Dann könnten diese Medikamente wirksam sein, bei anderen Tumorarten mit BRCA-Mutationen offenbar kaum. Für die Entscheidung dafür oder dagegen, ist aber die Expertise ausschlaggebend. Und die könnte eben im Rahmen von digitalen Tumorboards in speziellen Fällen eingeholt und diskutiert werden. Mit einem nationalen, digitalen Tumorboard könnte laut dem Experten die klinische Interpretation von Daten österreichweit erfolgen, in schwer zu beurteilenden Fällen wäre das ein Zuwachs an Wissen.

Dass die Digitalisierung der Medizin - auch der Onkologie - kommen muss, machen die Argumente von Hannes Kaufmann, Leiter der Abteilung für Onkologie und Hämatologie an der Klinik Favoriten in Wien, deutlich: „Wir organisieren in Wien bereits Krankenhaus-übergreifende Tumorboards.“ Auch eine Anbindung des Wiener AKH sei in dem Projekt enthalten.

Gemeinsame Dokumentation wichtig

Genauso wichtig aber seien ergänzende Aktivitäten. Der Onkologe: „Ich glaube, dass wir in unserem kleinen Österreich eine gemeinsame Dokumentation der Daten aller Krebspatienten über alle Bundesländer (und Krankenhausträger; Anm.) hinweg brauchen. Das geht nicht mit einem überlasteten Oberarzt, der Daten eintippt. Das ist keine Qualität. ELGA hat das bisher nicht bieten können. Wir brauchen ein einheitliches Register.“

Das sei der Schlüssel für die Optimierung der Behandlung. In Österreich leben rund 375.000 Menschen, die eine Krebsdiagnose erhalten haben. Ihre medizinische Versorgung von Beginn bis zur Nachsorge ist von der Kenntnis und der Auswertung ihrer Daten durch alle Stellen und Institutionen abhängig, die sie im Rahmen ihrer Erkrankung aufsuchen.

„In Oberösterreich hat man das über die Krankenhausträger hinweg bereits geschafft“, sagte Kaufmann. Das müsse doch auch österreichweit möglich sein. Das Ziel: eine Dokumentation, die jedem Behandler - vom größten Spezialisten in einem Zentrum bis zum Hausarzt - zugänglich ist, die sprichwörtlich „weitergeschrieben“ wird, wenn der Patient vom Krankenhaus zum Fach- oder Hausarzt kommt. Das würde die Versorgung optimieren, ist Kaufmann überzeugt.

Daten für Studienzwecke anonymisiert auswerten

Es geht aber auch noch um andere Ziele: anonymisiert könnten die Daten aus dem Register auch wissenschaftlich ausgewertet werden, um Studien mit neuen Therapieansätzen durchzuführen. Diese Registerstudien werden immer wichtiger, weil sie schnell durchführbar sind und zeigen, was eine Behandlungsform in der realen Welt bringt. Laut Kaufmann wären qualitativ hochwertige Registerdaten auch jener Hebel, mit denen man Studien mit innovativen Medikamenten wieder vermehrt nach Österreich bringen könnte. „Studienpatienten leben länger. Das ist bewiesen“, sagte Kaufmann.

„'Remote Intelligence' ist etwas, das die Digitalisierung wesentlich prägen wird“, sagte Digitalisierungsexperte Reinhard Riedl von der Berner Fachhochschule. Man werde in Zukunft Expertise und Fachwissen national und international via digitale Techniken zusammenschalten können. „Die Voraussetzung dafür ist die Verfügbarkeit der Daten. Und da ist wahrscheinlich ein europäischer Datenraum notwendig.“

 „Digital Health Symposium“

 

Künstliche Intelligenz Gehirn
Unmengen an Daten und deren einheitlich Registrierung und Handhabung: Derzeitist das nur partiell möglich.
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