Praevenire Gesundheitstage

„Bei Prävention und Vorsorge weit hinten"

Der Reformdruck im österreichischen Gesundheitswesen steigt. Alterung der Bevölkerung und der medizinische Fortschritt werden für weitere Kostensteigerungen sorgen. Am besten sei mit Prävention und Vorsorge gegenzusteuern, hieß es am Mittwoch anlässlich der Eröffnung der Praevenire Gesundheitstage im Stift Seitenstetten (NÖ). Die Veranstaltung findet bereits zum siebenten Mal in dem niederösterreichischen Kloster statt.

red/Agenturen

Jedes Jahr versammeln sich Verantwortungsträger und Wissenschafter aus den Bereichen Medizin und Gesundheit, um neue Trends und - was die Gesundheitspolitik betrifft - oft alte Probleme zu diskutieren. Die Praevenire-Initiative unter der Präsidentschaft des ehemaligen Sozialversicherungschefs und Ex-Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) hat erst vor kurzem die neueste Version ihres „Weißbuch Gesundheitsstrategie 2030“ vorgelegt.

Sars-CoV-2 hat jedenfalls laut Meinung von Experten einerseits die Bedeutung eines funktionierenden Gesundheitswesens unterstrichen, andererseits aber auch allfällige Schwächen offen gelegt. „Die Covid-19-Pandemie zeigt genau, wie wichtig Gesundheitsvorsorge ist“, sagte die Vorarlberger Gesundheits-Landesrätin Martina Rüscher (ÖVP). Ganz ähnlich äußerte sich auch der NÖ-Landesrat Martin Eichtinger (ÖVP).

„Chronische Erkankungen werden dramatisch zunehmen“

Gerade auf diesem Gebiet bestehen aber - wie Schelling erklärte - gravierende Mängel: „Wir haben ein sehr gutes, aber auch sehr teures Gesundheitssystem. Bei den erwarteten gesunden Lebensjahren liegen wir schlecht. Es sind 57 oder 58 Jahre, in denen wir uns halbwegs gesund fühlen. Bei Prävention und Vorsorge sind wir weit hinten. Im Bereich der Versorgung chronisch Erkrankter arbeiten wir in Österreich nicht mit der Intensität wie das andere Staaten tun. Dabei werden die chronischen Erkrankungen dramatisch zunehmen.“

Nur mit Strategien zur Verhinderung von chronischen Erkrankungen und durch möglichst frühzeitiges Eingreifen im Bedarfsfalle könne man einen Beitrag zu mehr Gesundheit bei gleichzeitiger Kostendämpfung leisten. Der ehemalige Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger: „Wir haben Zeitdruck, die Systeme zu reformieren. Die Zeit läuft uns zum Teil davon.“

Das Gesundheitssystem hätte vor allem zwei unausweichliche Kostentreiber: die demografische Entwicklung mit einer immer älter werdenden Bevölkerung und der medizinische Fortschritt. Schelling: „Es wird keinesfalls weniger kosten. Wir müssen die Effizienz erhöhen.“ Der ehemals unter seiner Beteiligung geschaffene Kostendämpfungspfad hätte immerhin zwischen 2013 und 2019 drei Milliarden Euro Mehrkosten im Gesundheitswesen verhindert, sonst wären sie um sechs Milliarden Euro gestiegen.

Vorschlag für Teil-Kassenverträge

Reformideen gebe es genügend, sagte Schelling: „Die Dinge müssen aber getan werden. Es wird (in der Pflege; Anm.) auch nicht ausreichen, wenn wir eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen. Wir müssen die Probleme strukturell angehen.“ Das gelte auch für die Aufgabenverteilung im Gesundheitswesen. Der Ex-Politiker hätte auch einen Vorschlag zur aktuellen Diskussion über die Wahlärzte in Österreich: „Man könnte ihnen einen Teil-Kassenvertrag für Vorsorge und Disease Management-Programme geben.“ Aufgaben für die Wahlärzte seien auf diesem Gebiet genügend vorhanden.

„Summer school“

Die Praevenire-Initiative organisiert im kommenden Juni am Stiftsgymnasium Seitenstetten in Sachen Gesundheitskompetenz eine „Summer School“ für die Schüler. Ausgeschrieben wurde auch ein Innovationspreis für die Kategorien „Steigerung der Gesundheitskompetenz“, „Intensivierung von Präventionsmaßnahmen“, „Fortschritt in der frühen Diagnose“ und „Verbesserung der Compliance/Adhärenz“ (Therapietreue von Patient:innen; Anm.), der je Kategorie mit 10.000 Euro dotiert ist.

www.praevenire.at

 

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