„Ich simuliere nur!": Niki Popper erklärt seine Freude am Modellieren

Er wollte kein „Corona-Buch“ schreiben, stellt der Simulationsforscher Niki Popper gleich zu Beginn seines Erstlings klar. Ganz durchhalten kann er dies freilich nicht, wie beim Lesen von „Ich simuliere nur!“ rasch klar wird. Was ihm im Tandem mit Ko-Autorin Ursel Nendzig aber gelingt, ist die Darstellung seiner Faszination für das Modellieren. Die parallel umrissenen Grundlagen dieses Forschungszuganges bleiben so manchem womöglich aber auch nach der Lektüre rätselhaft.

red/Agenturen

Die Darstellung der Ansätze, einen bestimmten Teil der Welt dadurch besser zu verstehen, dass man ihn am Computer nachbaut und dann simuliert, hat der Mathematiker und frühere ORF-Journalist, der vor allem als Teil des Covid-19-Prognosekonsortiums in den vergangenen Jahren einer breiteren Öffentlichkeit ein Begriff wurde, ein Stück weit vom Rest des Buches abgesondert. So führt er in den Kapiteln mit ungeraden Zahlen vorrangig seine Gedanken zu den Grundlagen der Simulationsforschung aus, die jeweils geradzahligen Abschnitte drehen sich vor allem um die Entstehung und Entwicklung der „Drahtwarenhandlung".

Dahinter verbirgt sich ein äußerst untypischer Ort: Einerseits ist das in Wien-Neubau eingerichtete ehemalige Geschäftslokal eines Drahthändlers ein Lokal, in dem gegessen und getrunken werden kann, andererseits ist es eine Forschungseinrichtung, in der aktuell um die 20 Mitarbeiter tätig sind. Wie es zu diesem Arrangement gekommen ist und warum sich die Initiatoren um Popper bis heute genau in diesem exotisch-hemdsärmeligen Setting besonders wohl fühlen, gibt tatsächlich eine lesenswerte Geschichte ab, der der Leser nahtlos folgen kann, wenn er die ungeraden Kapitel überspringt.

Naturgemäß etwas sperriger lassen sich die Einführungen in die dort angewandte Methodik an, die Popper mit vielen Beispielen erklärt. Lässt man sich als Nicht-Mathematiker oder -Informatiker darauf ein, versteht man letztlich besser, warum der Simulationsforscher seine Aussagen zu der Entwicklung der Pandemie so tätigt, wie er das eben tut - wo er einschränkt und wo er sich weiter aus dem Fenster lehnt. Mit der Ausbreitung des Denkens und Handelns, das hinter dem Modellieren steckt, schafft Popper es jedenfalls, seine Begeisterung dafür nachvollziehbar zu schildern. Wer allerdings diesbezüglich völlig unbedarft in die Sache stolpert, muss vermutlich oft zum Glossar am Ende des Buches blättern, um dem Faden einigermaßen folgen zu können.

Porträt einer Gruppe an Persönlichkeiten

Bei aller Liebe zu der Sache, die der Forscher vermittelt, erklärt er auch, warum man sich trotzdem nicht in seine Modelle verlieben sollte, warum man immer im Auge behalten sollte, was man tut, welchen Zugang man wählt und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Bei seinen Ausführungen rückt Popper immer wieder seine Mentoren, frühen Mitstreiter, Forscherkollegen und Mitarbeiter in den Fokus. So wird auch klar, auf welchem Weltbild die Drahtwarenhandlung und die daraus entstandenen Unternehmungen fußen. Damit taten sich mitunter Unternehmensberater ebenso schwer wie Wissenschafter, die ein völlig anderes Arbeitsumfeld gewöhnt waren, und an der Türschwelle der Drahtwarenhandlung bereits wieder kehrt machten. Letztlich betreibe man zu wenig Grundlagenforschung, um als reines Forschungsinstitut durchzugehen, und sei für ein stark wachstumsorientiertes Start-up neokapitalistischer Prägung einfach zu wenig marktorientiert, so ein Fazit.

In genau dieser Rolle gefällt man sich aber, weil man sich lieber mit interessanten Fragen vom Gesundheitssystem über die Hörsaal-Ausnutzung an Universitäten bis zu den nicht ganz ernst gemeinten „Liebes"-, „Sauf"- und „Weltuntergangs-Simulatoren“ auseinandersetzt, als sich um die Entwicklung und Vermarktung der nächsten potenziell großen Softwarelösung zu bemühen, die vielleicht deutlich mehr Geld brächte, aber weniger Spaß machen würde, wie der Forscher mehrfach darlegt. In seinem Ausblick in die Zukunft des Feldes spricht Popper in der Folge recht existenzielle Fragen an. Und schließlich kommt er nicht daran vorbei, die Corona-Zeit aus seiner Sicht zumindest im Schnelldurchlauf aufzurollen.

So ist „Ich simuliere nur!“ einerseits der Versuch, einen möglichst verständlichen Einblick in ein alles andere als triviales, neuen Forschungsfeld zu geben. Andererseits ist es eine Art Porträt einer Gruppe an Persönlichkeiten, die sich irgendwo zwischen der Welt der akademischen Forschung, dem unternehmerischen Denken und der Liebe zu Speis und Trank ein ganz eigenes Arbeitsbiotop in einer interessanten Nische geschaffen hat. Darum kann man die bunte Truppe beim Lesen durchaus beneiden.

Niki Popper und Ursel Nendzig: „Ich simuliere nur! Von mathematischen Modellen, virtuellen Muttermalen und dem Versuch, die Welt zu verstehen“, Amalthea Verlag, 256 Seiten, 26 Euro