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Robotergestützte Chirurgie

Wenn die Digitalisierung Einzug in den OP hält

Robotergestützte Chirurgie hilft seit mehr als zwei Jahrzehnten dabei, die natürlichen Fähigkeiten von Chirurgen zu erweitern und Eingriffe schonender für Patient:innen zu machen. Vor allem in der Urologie und Gynäkologie wird der OP-Roboter immer öfter eingesetzt. Österreich sei im Bereich der roboter-assistierten minimalinvasiven Chirurgie gut aufgestellt, aber es gebe noch Raum zur Verbesserung, hieß es am Dienstag im Vorfeld des Österreichischen Chirurgenkongresses in Graz.

red/Agenturen

Menschen, die einen medizinischen Eingriff benötigen, sollen sich möglichst schnell und vollständig erholen. Die robotergestützte, minimalinvasive Chirurgie wird eingesetzt, um Eingriffe präziser und für Patient:innen schonender umsetzen zu können. Das robotische Operationssystem agiert dabei als verlängerter Arm der Chirurgen und übersetzt ihre Bewegungen auf engstem OP-Raum.

Neben den ursprünglichen Einsatzgebieten Urologie und Gynäkologie gehen die Zahlen robotergestützter Operationen nun auch im allgemeinchirurgischen Bereich beständig nach oben. „Zu Beginn wurden die robotergestützten Operationssysteme vor allem bei Tumoroperationen eingesetzt, jetzt sind es zunehmend funktionelle und rekonstruktive Indikationen“, wie Bernhard Dauser, Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Roboterchirurgie (ÖGR) ausführte.

„In der Urologie werden bereits sehr viele Operationen roboter-assistiert durchgeführt. Speziell in der Viszeralchirurgie (die Chirurgie des Bauchraums) wünsche ich mir, dass der Einsatz der roboter-assistierten Chirurgie noch weiter ausgebaut wird, da ich glaube, dass die Patient:innen von dieser Methode profitieren können. Es ist noch viel Luft nach oben“, erklärte Clemens Bittermann, Facharzt für Chirurgie am Landesklinikum Wiener Neustadt und stellvertretender Vorsitzender der ÖGR. Dort wird mittlerweile nahezu jeder Eingriff am Rektum (Mastdarm) roboter-assistiert durchgeführt.

Der Chirurg an der Steuerkonsole

Im Gegensatz zur „offenen Chirurgie“ werden für roboter-assistierte Operationen meist nur wenige rund einen Zentimeter große Schnitte gesetzt. Dabei sitzen Chirurgen an einer Steuerkonsole und bedienen die interaktiven Arme des Operationssystems. Der Operateur sieht auf dem Bildschirm ein bis zu zehnfach vergrößertes, hochauflösendes 3D-Bild des Operationsfeldes im Körperinnern. Kontrollarme an der Konsole erfassen die Handbewegungen der Chirurgen und werden in Echtzeit und „zitterfrei“ in Instrumentenbewegungen übersetzt, wie Bittermann ausführte. In Wiener Neustadt wurde das erste robotergestützte OP-System 2015 angeschafft und der Einsatz seither kontinuierlich ausgebaut.

Für die Patient:innen bedeute ein minimalinvasiver Eingriff eine kleinere Wunde, und damit verbunden weniger Wundschmerzen, weniger Blutverlust und reduzierte Narbenbildung. Das führe in der Regel zu schnellerer Erholung und kürzerer Aufenthaltsdauer in der Klinik, führte Dauser weiter aus. Er berichtete auch von seinen Erfahrungen im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien, wo zwei roboter-assistierte Operationssysteme verwendet werden: „Schon bei der Reparation unserer ersten komplexen Bauchwandhernien haben wir beispielsweise postoperativ eine signifikant kürzere Liegedauer von 4,5 Tagen nach roboter-assistiertem Zugang versus 12,5 Tagen beim offenen Verfahren beobachtet.“

In den Salzburger Landeskliniken (SALK) habe sich von 2017 bis heute die durchschnittliche Verweildauer nach roboter-unterstützten Eingriffen im Krankenhaus von durchschnittlich 14,7 Tagen auf 4,2 Tage reduziert, legte Paul Sungler, SALK-Geschäftsführer dar.

Chirurgen werden nicht ersetzt

Pionier unter den Technologieanbietern für die roboter-assistierte, minimalinvasive Chirurgie ist das im kalifornischen Sunnyvale ansässige Unternehmen Intuitive, das im Vorjahr in Österreich eine neue Niederlassung gegründet hat. Mit dem sogenannte da Vinci-Chirurgiesystem wurden weltweit an die zehn Millionen Eingriffe durchgeführt, alleine 2021 waren es über 1,5 Millionen, schilderte Geoffrey Lorthiois, Regional Director Deutschland, Österreich und Schweiz bei Intuitive. Mit den in mehr als 60 Länder installierten Systemen werde durchschnittlich alle 20 Sekunden ein Eingriff gestartet. Die da Vinci-OP-Roboter gehören mittlerweile der vierten Generation an.

In Österreich sind es 18 Systeme an 16 Standorten, führte Dauser die regionalen Zahlen an. Schwerpunkte seien zurzeit neben dem Großraum Wien, Salzburg und der Westen Österreichs. Die ÖGR wünscht sich einen Ausbau in Österreich. „Grundsätzlich denke ich, dass die roboter-assistierte Chirurgie in Österreich schon gut etabliert ist. Für die Zukunft wünsche ich mir - vor allem im Sinne einer hochqualitativen und sicheren Versorgung der Patient:innen - eine insgesamt breitere Verfügbarkeit dieser Operationssysteme“, so der ÖGR-Präsident. „Chirurgen können und werden durch roboter-assistierte Systeme in absehbarer Zeit nicht ersetzt werden“, wohl aber böten sich mit der Technologie aus seiner Sicht „zahlreiche Möglichkeiten, die Chirurgie insgesamt schonender und sicherer zu machen“, wie Dauser abschließend betonte.

Chirurgenkongress

 

Chirurgie Chirurg
„In der Urologie werden bereits sehr viele Operationen roboter-assistiert durchgeführt. Speziell in der Viszeralchirurgie wünsche ich mir, dass der Einsatz der roboter-assistierten Chirurgie noch weiter ausgebaut wird“, so Clemens Bittermann.
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