Wiener Ärztekammer

Attraktivere Kassenstellen und Ausbildungsreform für neues Präsidium wesentliche Punkte

Der neue Wiener Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart würde auch die Führung der Österreichischen Ärztekammer übernehmen. „Sollte es sein, würde ich es mit großem Respekt und Ehrfurcht annehmen“, sagte Steinhart in einer Pressekonferenz, in der sich das neu gewählte Präsidium der Wiener Kammer der Öffentlichkeit präsentierte. Die Wahlarzt-Debatte wurde auch von der neuen Führung kritisiert. In einem freien Beruf wie dem des Arztes ginge es nicht um Privilegien, sondern um medizinische Grundsätze vor den ökonomischen, politischen und bürokratischen, so Steinhart.

red/Agenturen

Seine Chance für das Amt des Österreichischen Ärztekammer-Präsidenten wollte Steinhart zwar nicht beziffern: „Ich bin kein guter Spekulant.“ Gleichzeitig machte er aber auch „positive und konstruktive Zeichen“ aus. Er wolle aber erst darüber reden, wenn es so weit ist, betonte Steinhart. Der bisherige Präsident der Bundes-Kammer, Thomas Szekeres, kann bei der Wahl am 24. Juni nicht mehr antreten, weil er von Steinhart als Chef der Wiener Kammer abgelöst wurde und nur einer der neun Landespräsidenten in diese Funktion gewählt werden kann.

Sein Amt als Präsident der Wiener Kammer will Steinhart jetzt „mit großer Demut“ und Verantwortung angehen. Er habe dafür ein „leistungsfähiges Team“. Seine Vizepräsidenten sind Stefan Ferenci als Obmann der Kurie der angestellten Ärzte und Erik Randall Huber als Obmann der niedergelassenen Ärzte. Für Aufregung hatte vor seiner Wahl Ferenci gesorgt, weil er für die Liste „Turnusärzte für Turnusärzte“ kandidiert hatte und wegen Wählertäuschung angezeigt worden war, weil er sich angeblich rechtswidrig als „Lehrpraktikant“ in einer Wiener Ordination anmelden habe lassen, obwohl er zwei Facharztpraxen betreibe. In der Pressekonferenz wies Ferenci die Vorwürfe erneut zurück und sprach von „großem Rückhalt“ unter seinen Kollegen. Er sei mit Zwei-Drittel-Mehrheit gewählt worden.

Wahlarztdebatte: „Ausdruck von Verzweiflung“

Die Debatte über Beschränkungen der Wahlärzte, in der zuletzt Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) eine verpflichtende befristete Kassenarzt-Tätigkeit von Medizin-Absolventen ins Gespräch gebracht hatte, treibt auch die neue Führung der Wiener Ärztekammer auf die Barrikaden. Steinhart zeigte sich neuerlich fassungslos über einen solchen Zwang. „Schockiert“ ist über diese Debatte auch Huber, der darin einen „Ausdruck von Verzweiflung“ sieht. Damit würden Patienten in Spitalsambulanzen getrieben. Stattdessen solle man die Kassenordinationen attraktiver machen, war sich das neue Präsidium der Wiener Kammer einig.

Generell müsse das öffentliche Gesundheitssystem verbessert werden, sowohl für die darin Beschäftigten als auch für die Patient:innen. Dazu gehöre der Abbau von Bürokratie, die für das ärztliche wie auch für das Pflegepersonal viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt, die letztendlich bei den Patient:innen fehlt. „Längst an der Zeit ist auch die Umsetzung eines einheitlichen Leistungskatalogs für ganz Österreich“, so Steinhart in Richtung Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK). Die Ärztekammern haben einen solchen bereits vor zwei Jahren entwickelt. Steinhart: „Es liegt nur an der ÖGK, diesen auch umzusetzen. Die Landesgebietskrankenkassen wurden zwar mit viel Aufwand fusioniert, im Leistungskatalog herrscht aber nach wie vor derselbe Wildwuchs wie vor der Fusionierung.“

Steinhart bekräftigte dazu seine Forderung nach einer Abkehr vom sogenannten Dämpfungspfad. Stattdessen müsse es mehr Investitionen in eine bessere Versorgungsstruktur und Leistungen geben. Der neue Präsident bekannte sich zu einer solidarischen Finanzierung des Systems und will zur Attraktivierung des Berufes mehr Flexibilität auch mit neuen Arbeitszeitmodellen und einen Abbau der Bürokratie. Wichtig ist ihm der „freie Arzt“, der medizinische Grundsätze vor ökonomische und politische stellen kann. Die Kammer will er zu einer „Leistungskammer“ mit noch besserem Service für die Mitglieder machen.

Ausgliederung des Wiener Gesundheitsbundes

Sowohl Huber als auch Ferenci wollen einen Schwerpunkt auf die Ausbildung legen. Huber setzt auf eine duale Ausbildung. Der Urologe und Obmann der niedergelassenen Ärzte will eine zweijährige Ausbildung in Ausbildungsordinationen und danach vier Jahre im Spital. Der neue Obmann der Spitalsärzte, Ferenci, fordert die Abschaffung der Basisausbildung, um den jungen Kollegen den raschen Einstieg in ihr Wunschfach zu ermöglichen. Er kritisiert die derzeitige Ausbildung im Spital, denn diese finde wegen zeitlicher und finanzieller Ressourcenknappheit momentan eher „nebenbei“ statt. „Eine gute Ausbildung funktioniert aber nur unter direkter Supervision, daher benötigen wir keine Erhöhung des Ausbildungsschlüssels, sondern deutlich mehr Fachärzte“, so Ferenci. Weiters plädiert er für eine Ausgliederung des Wiener Gesundheitsverbundes, damit dieser schneller und flexibler auf Probleme reagieren könne. Außerdem müsse man „mehr Zeit“ für die Patienten schaffen, die Wertschätzung der Mitarbeiter heben und eine Offensive für bessere Arbeitsbedingungen starten. Auch Huber will mit der Umsetzung eines modernen Leistungskataloges Zeit des Arztes für den Patienten besser honorieren.

Erik Randall Huber, der uner anderem für eine zweijährige Ausbildung in Ausbildungsordinationen plädiert, sieht hier viele Vorteile: „Die angehenden Ärzt:innen lernen dabei Krankheitsbilder kennen, die sie im Spital in dieser Vielfalt nicht erleben. Mit diesem umfangreichen Basiswissen ausgestattet, können sie danach im Spitalsbereich auch besser eingesetzt werden und erhalten so jene Aufmerksamkeit, die ihnen derzeit oft nicht gegeben wird.“ Die aktuelle Wahlarztdebatte hält Huber für entbehrlich und seitens der Kritiker für unüberlegt: „Die Zerschlagung des gut funktionierenden dualen Systems von Kassen- und Wahlarztordinationen hätte nur zur Folge, dass jene Patient:innen, die derzeit Wahlarztordinationen aufsuchen und danach 80 Prozent des ÖGK-Honorars rückerstattet bekommen, sich nach anderen Optionen für ihre Gesundheitsversorgung umsehen müssten. Nur gibt es diese Optionen nicht.“

 

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Das neue Präsidium der Wiener Ärztekammer.
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Stefan Seelig