Corona-Inzidenz erreicht Rekordwert - Deutschland will dennoch lockern

Eine Woche vor dem Auslaufen der meisten Corona-Auflagen haben die Gesundheitsämter einen neuen Rekordwert bei den Neuansteckungen gemeldet. Deutschland habe nun die „höchste Corona-Inzidenz in Europa“, schrieb Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Sonntag im Kurzbotschaftendienst Twitter. Das RKI gab den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Montagmorgen mit 1543,0 an. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 1526,8 gelegen

red/Agenturen

Lauterbach rief erneut eindringlich zu Corona-Impfungen auf: „Ungeimpfte sollten sich dringend impfen lassen“, schrieb er. Sie seien derzeit „schutzlos“. Die aktuelle Infektionsentwicklung fasste er so zusammen: „Tendenz steigt, viele Tote.“ Offensichtlich verhielten sich Ungeimpfte „jetzt oft unvorsichtig“, weil sie wüssten, dass sie nicht schwer erkranken können, schrieb der Minister zur Erklärung der hohen Ansteckungszahlen.

Die Bundesregierung will die meisten Schutzauflagen dennoch am 20. März auslaufen lassen. Dann sollen nur noch sogenannte Basis-Schutzmaßnahmen wie etwa eine Maskenpflicht in Alten- und Pflegeheimen gelten. Schärfere Regeln können für Corona-Hotspots - also Regionen mit besonders vielen Infektionen - verhängt werden. Dafür ist dann ein Beschluss des Landesparlaments nötig.

Kritik an geplanten Corona-Lockerungen wird lauter

Zweifel am Corona-Kurs der SPD-geführten Bundesregierung wurden auch innerhalb der Partei laut. Es gebe aktuell „eine Welle mit täglich 200 bis 300 Toten - trotz der noch geltenden Maßnahmen“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) dem „Handelsblatt“. „Ich finde es nicht klug, in dieser Lage alle Vorsicht fallen zu lassen.“

Die geplante Hotspot-Regelung kritisierte Weil als unzulänglich. „Diese Regel hilft uns nicht weiter“, sagte er. Das Verfahren sei „so umständlich, dass die Anwendung dieser Vorschrift sehr schwer wird“.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) monierte Lücken und Schwächen in dem Gesetzentwurf der Ampel-Koalition. „Im Grunde gibt es keine echten Schutzmaßnahmen mehr“, sagte er der „Bild am Sonntag“. „Damit stehen wir im Herbst neuen Mutationen schutz- und wehrlos gegenüber.“ Hart ins Gericht ging Söder auch mit Lauterbach. „Der Bundesgesundheitsminister rechnet mit neuen Wellen und die Ampel schafft gleichzeitig alle Maßnahmen ab. Logisch ist das nicht mehr.“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte davor, den Schutz vor Corona-Infektionen am Arbeitsplatz zu vernachlässigen. „Arbeitsschutz darf ab Ende März keinesfalls zur Privatsache der Beschäftigten werden“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel den Funke-Zeitungen vom Montag. „Die Pandemie ist eben noch nicht vorbei und deshalb bleibt Homeoffice - da wo es möglich ist - auch weiterhin nützliches Instrument, um Kontakte und damit Infektionsgefahren einzuschränken.“

Ab 20. März laufen neben anderen Schutzmaßnahmen auch die 3G-Regel am Arbeitsplatz und die Homeoffice-Pflicht für Beschäftigte aus. Die Unternehmen können das Modell jedoch weiter anbieten.

Präsident der Bundesärztekammer: Lockerungen sind das falsche Signal

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hält die geplanten Lockerungen der Corona-Maßnahmen für das falsche Signal. Er sei beunruhigt, da die Infektionszahlen in der letzten Woche wieder gestiegen seien, sagte er am Montag im „Deutschlandfunk“. „Es ist insofern schwer verständlich, warum eine Maskenpflicht in bestimmten Einrichtungen sein soll, aber zum Beispiel im Einzelhandel, der Gastronomie nicht, während man im öffentlichen Nahverkehr eine Maske aufsetzen soll. Es ist nicht so richtig durchgängig.“

Angesichts steigender Infektionszahlen forderten Ärztevertreter Bund und Länder auf, über den 20. März hinaus an der Maskenpflicht in öffentlichen Innenräumen festzuhalten. „Das Tragen von Masken ist eine erprobte und einfache Schutzmaßnahme. Es wäre ein Fehler, dieses Mittel ohne Not aus der Hand zu geben“, sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin (DIVI), den Funke-Zeitungen.

RKI registriert 92.378 Corona-Neuinfektionen - Inzidenz bei 1543

Vor einer Woche lag die bundesweite Inzidenz bei 1259,2 (Vormonat: 1459,8). Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 92.378 Corona-Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 05.00 Uhr wiedergeben. Vor einer Woche waren es 78.428 Ansteckungen. Experten gehen von einer hohen Zahl an Fällen aus, die in den RKI-Daten nicht erfasst sind. Ein Grund sind die begrenzten Kapazitäten etwa von Gesundheitsämtern, oft werden Kontakte nur noch eingeschränkt nachverfolgt.

Deutschlandweit wurden nach den neuen Angaben binnen 24 Stunden 19 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 24 Todesfälle. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, liegt damit nun bei 125 590.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 17 233 729 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen bezifferte das RKI auf 13 501 400 an. Die Zahl der in Kliniken gekommenen Corona-infizierten Patienten je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI mit 6,77 (Freitag: 7,00) an. Darunter sind auch viele Menschen mit positivem Corona-Test, die eine andere Haupterkrankung haben.

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