Praevenire Gesundheitstage

Krebs-Zelltherapie langsam auf Vormarsch

Die Gentherapie-ähnliche Behandlungsform der CAR-T-Zellen verdoppelt bei bestimmten Blutkrebserkrankungen die Therapie-Erfolgsraten. Konkurrenz bekommt die aufwendige Behandlung durch sogenannte bispezifische Antikörper, die auch bei Tumorerkrankungen eingesetzt werden. In Österreich sichert ein Spezialistennetzwerk fairen Zugang zur CAR-T-Zelltherapien, hieß es Dienstagvormittag bei einem Seminar im Vorlauf zu den Praevenire Gesundheitstagen im Stift Seitenstetten (NÖ).

red/Agenturen

Bei verschiedenen Blutkrebserkrankungen hat die aufwendige und auch teure CAR-T-Zelltherapie vor einigen Jahren für Patienten mit nur noch schlecht oder nicht mehr behandelbarer Krankheit neue Chancen eröffnet. Zugelassen wurde sie zunächst bei Akuter Lymphatischer Leukämie (ALL) und bestimmten B-Zell-Lymphomen, jeweils nach zwei nicht mehr wirkenden Behandlungsmodalitäten mit herkömmlichen Medikamenten.

CAR-T-Zellen sind genetisch im Labor so veränderte T-Zellen des individuellen Patienten, dass sie sowohl den originären T-Zell-Rezeptor als auch einen künstlich eingefügten Rezeptor für ein Oberflächenmerkmal der bösartigen Zellen tragen (zum Beispiel für das CD-19-Protein). Der Kontakt dieser T-Zellen mit „chimären“ Rezeptoren mit den anvisierten Zellen führt zur Aktivierung der T-Zellen und soll die bösartige Zellpopulation beseitigen. Die Behandlung ist individualisiert, bedingt eine intensive Vorbehandlung der Patienten und ist durch Transport der gewonnenen T-Zellen und ihre genetische Veränderung in Speziallabors der Erzeuger extrem aufwendig, was auch die Kosten betrifft.

Doch die Erfolge sind mittlerweile eindeutig. Ulrich Jäger, Leiter der Klinischen Abteilung für Hämatologie von MedUni Wien/AKH: „Beim aggressiven B-Zell-Lymphom sehen wir ein Plateau für Überleben ohne Fortschreiten der Erkrankung nach vier Jahren bei etwa 40 Prozent der Patienten, beim Gesamtüberleben bei etwa 50 Prozent.“ Das ist für Betroffene, bei denen die herkömmlichen Therapien schon mehrfach versagt haben, ein deutlicher Zugewinn an Überlebenschancen.

Die Zahl dieser zugelassenen CAR-T-Zell-Therapien erweitert sich - genauso wie die Anwendungsgebiete. Als nächste große Indikation steht das Multiple Myelom auf dem Programm. Dabei kommt es laut dem Hämatologen Dominik Wolf (MedUni Innsbruck) offenbar schon frühzeitig zu einer ganzen Architektur an genetisch unterschiedlichen bösartigen Zell-Klonen, aus denen nach jedem erfolgenden Behandlungszyklus widerstandsfähige Klone selektioniert werden und die Krankheit erneut antreiben. Wolf: „Die Dauer der Remissionen wird von Therapie zu Therapie kürzer. Das Rezidiv (Rückfall; Anm.) sieht anders aus als die ursprüngliche Erkrankung.„

Auch hier soll die CAR-T-Zelltherapie zu längerfristig besseren Chancen führen. In einer klinischen Studie mit 128 Patienten konnte bei hoch dosierter Zell-Behandlung eine Gesamt-Ansprechrate von um die 80 Prozent erreicht werden. Die Frage ist, wie lange der Effekt anhält. Viele CAR-T-Zell-Studien waren bisher sehr klein. Die Experten warten auch auf groß angelegte Wirksamkeitsstudien. Gleichzeitig wird versucht, die CAR-T-Zelltherapie bei Hochrisikopatienten immer früher im Krankheitsverlauf einzusetzen.

Zumindest teilweise Konkurrenz könnte die CAR-T-Zelltherapie durch die sogenannte bispezifischen Antikörper (BiTEs). Diese Konstrukte sind Teile von monoklonalen Antikörpern, die aber zwei Bindungsstellen für den T-Zell-Rezeptor und ein Tumorantigen (z.B. CD19) aufweisen. Sie werden aber vorproduziert und „von der Stange“ geordert. „CAR-T-Zellen sind sehr langsam in der Entwicklung bei soliden Tumoren (Karzinome; Anm.). Bispezifische Antikörper werden hingegen zu 60 Prozent bei diesen soliden Tumoren untersucht“, sagte Richard Greil, Onkologe in Salzburg. Auch mit den BiTEs wird bei bestimmten Krebserkrankungen ein ähnlich großer Fortschritt wie mit den CAR-T-Zellen erzielt.

Neben hämatologischen Erkrankungen wie Akuten Lymphatischen Leukämie werden verschiedenste Varianten dieser bispezifischen Antikörper für verschiedenste Krebsleiden entwickelt. Die Technik eignet sich aber auch für viele andere medizinische Anwendungen, zum Beispiel gegen Prostatakrebs, das kleinzellige Lungenkarzinom oder Gehirntumoren.

Was auch immer die sprichwörtliche „Nase“ bei einzelnen Krebserkrankungen „vorn“ haben wird, wahrscheinlich geht die Entwicklung in Zukunft sogar zu einer Kombination oder zu einer Abfolge von CAR-T-Zelltherapie und Behandlung mit neuen Antikörper-Konstrukten bei entsprechendem Bedarf. Die CAR-T-Spezialisten Österreichs an sechs Zentren haben ein eigenes spezialisiertes Netzwerk geschaffen, um einen fairen Zugang aller Patienten zu dieser Therapieform zu gewährleisten. Damit will man auch einen Patiententourismus zwischen den Bundesländern auf diesem Gebiet verhindern. Das Netzwerk hat auch einheitliche Kriterien für die Auswahl der Patienten für die CAR-T-Zelltherapie formuliert.