Haus Jaro

Platz für Menschlichkeit

Wie bringt man alte Raumstrukturen und neue Ideen in der Wohnungslosenhilfe zusammen? Das Haus Jaro zeigt, wie es geht. Diese Einrichtung der Caritas, die in Teilen der Räumlichkeiten des ehemaligen Servitenklosters im 9. Wiener Gemeindebezirk untergebracht ist, bietet nicht-krankenversicherten, wohnungs- und obdachlosen Menschen für drei bis sechs Monate einen Wohnplatz, um ihren Gesundheitszustand zu verbessern oder nach einem Spitalsaufenthalt in Ruhe zu genesen.

Kathrin McEwen

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Servitenklosters stammen teilweise aus dem 17. Jahrhundert. Seit 2019 ist in Teilen davon das Haus Jaro untergebracht. „2019 wurde das Haus Jaro sprichwörtlich ins Leben gerufen“, erzählt Robert Cimburek, seit einem Jahr Leiter des Hauses Jaro, außerdem Leiter des Louisebusses und seit 2004 bei der Caritas, beim Rundgang durch das Haus. Der groß gewachsene Mann strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus und zeigt gleichzeitig einen großen Ehrgeiz, wenn er über „seine“ Klientinnen und Klienten spricht. Das Konzept wurde von Caritas und dem Fonds Soziales Wien gemeinsam entwickelt. Die Zielgruppe der nicht-anspruchsberechtigten EU-Bürgerinnen und Bürger, die medizinische Hilfe und Pflege benötigt, werde immer mehr. „Die Medizin hat große Fortschritte gemacht, dadurch wird der Bedarf an weiterführender Pflege aber auch immer größer.“

Klostergang Haus Jaro

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Servitenklosters stammen teilweise aus dem 17. Jahrhundert. Seit 2019 ist in Teilen davon das Haus Jaro untergebracht.

© Stefan Seelig

 

Wohnungslos und krank

Wohnungs- und obdachlos zu sein hat auch große Auswirkungen auf die Gesundheit. Seien es offene Wunden, TBC-Erkrankungen, Lungenentzündungen oder Erfrierungen, gerade im Winter. „Wir haben sehr unterschiedliche individuelle persönliche Geschichten hier im Haus“, erklärt Cimburek. Von der Diagnose Krebs im Endstadium bis hin zu Varizen in der Speiseröhre, und oft kommen auch noch psychische Probleme oder Krankheiten hinzu. „Unsere Menschen hier sind teilweise wirklich sehr krank.“ Sie brauchen viel Unterstützung, oft auch bei einfachen alltäglichen Dingen. Im Haus Jaro geht es aber vor allem auch um Hilfe bei medizinischen Dingen, wie Verbandswechsel, regelmäßige Medikamenteneinnahme, sich an die Therapie zu halten oder dem Wechsel des Urinbeutels. „Medikamente immer zur selben Zeit einzunehmen, also diese Therapievorschläge, fällt unserer Zielgruppe sehr schwer“, umschreibt der Leiter auch eine der Hauptaufgaben des Hauses Jaro. Dabei ist es ihm aber wichtig zu betonen, dass sie keine Pflegeeinrichtung sind. Dafür fehle es auch schlicht an Personal. Aber gerade Menschen mit einer kurzen oder auch langen Geschichte von Wohnungs- und Obdachlosigkeit brauchen eine stabile längerfristige Unterbringung bis zum Ende einer medizinischen Behandlung oder bis zum Abheilen der Krankheit, und können nicht wieder auf die Straße geschickt werden, wo sie möglicherweise noch schwerer erkranken könnten.

Entlassungsmanagement

Die Aufnahme ins Haus erfolgt durch die Soziale Arbeit im Haus, Anfragen kommen meist aus Krankenhäusern oder Beratungsstellen beziehungsweise der MA 15. „80 bis 90 Prozent sind Spitalsanfragen“, weiß Robert Cimburek. Er arbeite auch gerade sehr stark an der Vernetzung innerhalb der Organisationen, auch mit dem Entlassungsmanagement der Spitäler gebe es eine immer größer werdende Zusammenarbeit. Oft müsse er aber erklären, dass sie keine permanente Pflegeeinrichtung seien. Es gebe zwar Pflegepersonal, aber zum Beispiel nicht in der Nacht.

Insgesamt arbeiten 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus Jaro, zu dem auch der Louisebus gehört. Der Louisebus ist ein medizinischer Betreuungsbus, der ärztliche Erst- und Notversorgung für wohnungs- und obdachlose Menschen anbietet. Er ist Montag bis Freitag an unterschiedlichen fixen Plätzen in Wien unterwegs, um direkt vor Ort Hilfe zu leisten. Neben dem Louisebus betreibt das Haus Jaro auch JaroMed, eine Ambulanz mit einer Ärztin beziehungsweise einem Arzt und zwei Pflegekräften, die sich um die medizinische Betreuung der Klientinnen und Klienten im Haus kümmert. Daneben bieten Sozialbetreuerinnen und -betreuer die klassische Betreuung der Wohnungslosenhilfe an. Dazu zählen auch Hilfestellungen beim Duschen, bei der Nahrungsaufnahme oder das Anbieten von Beschäftigungskursen. Cimburek: „Langeweile ist nicht sehr produktiv, deswegen bemühen wir uns, hier Abwechslung für unsere Bewohnerinnen und Bewohner anzubieten.“ Dreimal täglich gibt es Verpflegung für alle Hausbewohner.

Haus Jaro Küche
Dreimal täglich gibt es Verpflegung für alle Hausbewohner.

© Stefan Seelig

 

70 Plätze – Durchschnittsalter 50 plus

Der Leiter erzählt: „Wir haben 70 Plätze, davon sind im Schnitt 50 bis 55 Männer und bis zu 15 Frauen.“ Das Durchschnittsalter liegt zwischen 50 und 60 Jahren. „Es gibt aber auch Ausnahmen.“ So gibt es einen Hausbewohner, der bereits 84 Jahre alt ist.

15 bis 20 Klientinnen und Klienten sind nicht mobil und mit Rollator oder Rollstuhl im Haus unterwegs, „das leider nicht zu 100 Prozent barrierefrei ist“. Das sei auch den alten Raumstrukturen geschuldet, die teilweise aufgrund von Denkmalschutz nicht verändert werden dürfen. Untergebracht sind die Menschen in Zimmern mit bis zu 4 Betten.

Jede einzelne Geschichte der Bewohnerinnen und Bewohner sei sehr einzigartig und individuell. Neben gesundheitlichen Problemen gebe es auch psychische Erkrankungen, wie beispielsweise Suchterkrankungen. Manche sind schon lange auf der Straße oder arbeitslos, andere haben vielleicht erst seit Kurzem ihre Wohnung verloren oder eine Beziehung ist in die Brüche gegangen. Gleich ist allen, dass sie einen Platz und umfassende Betreuung während ihrer Zeit zum Genesen benötigen, wo auch ganz viel Raum für Menschlichkeit ist. So kümmert sich das Haus Jaro auch um notwendige Chemotherapien und die Organisation mit dem Spital, dazwischen gibt es auch helfende Worte und Gesten.

Und was passiert nach den drei oder sechs Monaten, in denen Menschen diesen Platz benötigen und bekommen? „Das kommt ganz darauf an, was benötigt wird“, erklärt Robert Cimburek.

Im Normalfall werden sie weitervermittelt an weiterführende Behandlungs- und Beratungsorganisationen, insbesondere für Suchtkranke und psychiatrisch auffällige Klientinnen und Klienten. „Wir klären aber auch in Zusammenarbeit mit der Sozial- und Rückkehrberatung der Caritas Wien die Perspektiven in den möglichen Heimatländern ab, also ob und wie sie dort Anspruch auf Unterbringung und Sicherung haben und helfen bei der Heimreise.“ Das Haus Jaro arbeitet aber auch mit dem VinziDorf in Graz zusammen, das Palliativplätze für nicht-anspruchsberechtigte Menschen anbietet. Zwei Bewohner konnten dort 2022 untergebracht werden. „Das Thema Sterben ist ein großes, nicht nur bei uns im Haus – Kranksein ist überall ein Thema. Das ‚Problem‘ bei der Palliativmedizin ist, dass die medizinische Betreuung irgendwann sehr pflegeintensiv wird, und das können nicht viele aufgrund der personellen Situation anbieten.“

Medikamente und Manpower

Der Leiter ist überzeugt, dass der Bedarf an solchen Einrichtungen wie ihrer immer höher werden wird. „Es gibt mehr Menschen auf der Straße, aber auch dadurch mehr Menschen, die krank werden und unsere Hilfe benötigen.“ Wie so viele dieser Hilfseinrichtungen funktioniert es aber nur mit freiwilligen, engagierten Menschen und Spenden.

Haus Jaro Medikamente


© Stefan Seelig

 

„Was wir immer im Haus benötigen sind Medikamente, Verbandsmaterial – da leben wir ganz viel von Spenden.“ Gut gebraucht werden können aber auch EKG-Geräte, Insulinpumpen und ganz wichtig sind Krücken, Rollatoren oder Rollstühle. „Da nicht alle mobil sind, sind die Menschen darauf angewiesen. Wenn sie uns dann verlassen, nehmen sie natürlich die Heilbehelfe mit, und wir benötigen wieder welche.“

Aber auch Manpower wird benötigt – „ohne die würde gar nichts funktionieren“. Ärztinnen und Ärzte, die freiwillig mitarbeiten, werden immer gesucht. Sei es beim Louisebus oder im Haus Jaro. Cimburek: „Wenn Ärztinnen und Ärzte sagen, die direkte Straßenmedizin beim Louisebus ist nicht so meines, können sie gerne auch Liaisondienst und bei JaroMed mitarbeiten. Wir sind über jede Hilfe sehr dankbar.“

 

So können Sie helfen

Das Haus Jaro betreut Menschen ohne Krankenversicherung, die auch sonst keinen Anspruch auf Sozialhilfe in Österreich haben, die aber aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands trotzdem Hilfe benötigen. Dringend gebraucht werden Spenden für Medikamente, Schlafsäcke und Hygieneartikel. Ärztinnen und Ärzte, die mithelfen wollen, werden auch dringend gesucht.

IBAN: AT47 2011 1890 8900 0000

Kennwort: Haus Jaro

https://www.caritas-wien.at/haus-jaro

 

 

Dieser Beitrag ist zuerst in der Zeitung „Ärzt*in für Wien“ Ausgabe 02/23 erschienen.

Robert Cimburek, Leite Haus Jaro
Robert Cimburek, seit einem Jahr Leiter des Hauses Jaro und des Louisebusses.
Stefan Seelig
Eingang Haus Jaro
„Wir haben 70 Plätze, davon sind im Schnitt 50 bis 55 Männer und bis zu 15 Frauen.“
Stefan Seelig
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Willkommen Haus Jaro
Stefan Seelig
„Unsere Menschen hier sind teilweise wirklich sehr krank.“ - Robert Cimburek
Cimburek: „Langeweile ist nicht sehr produktiv, deswegen bemühen wir uns, hier Abwechslung für unsere Bewohnerinnen und Bewohner anzubieten.“
 
© medinlive | 22.04.2024 | Link: https://app.medinlive.at/gesellschaft/platz-fuer-menschlichkeit