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Erstmals über 700 Intensivpatienten in Österreich

Gute und weniger gute Nachrichten bei den Entwicklungen der Corona-Pandemie in Österreich: Einerseits gehen die Zahlen bei den Neuinfektionen leicht zurück. 4.377 Neuinfektionen sind für einen Dienstag im November der niedrigste Wert. Andererseits gibt es die nach wie vor bedenkliche Entwicklung in den Spitälern: In den vergangenen 24 Stunden wurden 118 Todesopfer in Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet. Dazu überschritt die Zahl der Intensivpatienten erstmals die 700.

red/Agenturen

Genau lagen 704 der 4.689 Spitalspatienten auf Intensivstationen, um 19 mehr als am Montag. Allerdings verlangsamt sich der Zuwachs der Intensivpatienten offenbar, wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) in einer Pressekonferenz ausführte. Der Anstieg der Intensivpatienten lag demnach am Dienstag bei sieben Prozent, er sei schon bei 30, 33 Prozent gewesen.

In den vergangenen 24 Stunden wurden demnach 28.070 Testergebnisse eingemeldet, damit gab es einen Anteil von rund 15,6 Prozent positiven Tests. Bisher gab es in Österreich insgesamt 254.710 positive Testergebnisse. Mit Stand Dienstag (9.30 Uhr) sind nach den Zahlen von Innen- und Gesundheitsministerium österreichweit 2.577 Personen an den Folgen des Corona-Virus verstorben und 182.620 sind wieder genesen. Damit lag die Zahl der aktiv Infizierten bei 69.513.

Sieht man sich die Bundesländerzahlen an, so gab es die weitaus meisten Neuinfektionen in Oberösterreich mit 1.165. An zweiter Stelle lag Tirol mit 633 Neuinfektionen vor Salzburg mit 566, Niederösterreich mit 543 und Wien mit 505. Aus der Steiermark wurden 447 Neuinfektionen gemeldet, aus Kärnten 261, aus Burgenland 172 und aus Vorarlberg 85.

Die weitaus meisten eingemeldeten PCR-Testergebnisse kamen demnach aus Wien mit 6.857, damit waren knapp 7,4 Prozent der Tests in der Bundeshauptstadt positiv. Demgegenüber waren in Oberösterreich 45,6 Prozent der eingemeldeten 2.553 Tests positiv. In Tirol waren von 3.836 eingemeldeten Tests 16,5 Prozent positiv, in Salzburg von 2.534 Tests 22,3 Prozent. In Niederösterreich wurden 4.180 Ergebnisse eingemeldet, davon knapp 13 Prozent positiv. In der Steiermark waren von 3.730 Tests knapp zwölf Prozent positiv. Kärnten meldete 1.721 Testergebnisse, davon rund 15,2 Prozent Treffer, das Burgenland 1.595 Tests mit einer Trefferquote von etwa 10,8 Prozent. Vorarlberg brachte es bei 1.064 eingemeldeten Tests auf knapp acht Prozent positive Testergebnisse.

Die Sieben-Tage-Inzidenz (Fälle innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner, Anm.) lag österreichweit bei 450,7 nach 468,7 am Montag. Mit Ausnahme des Burgenlandes lag dieser Wert auch in allen Bundesländern niedriger als am Vortag, allerdings mit einer Bandbreite von 631 in Tirol und 630,5 in Salzburg bis zum niedrigsten Wert von 306,6 in Wien. Angesichts der hohen Absolutzahl auch interessant: Oberösterreich brachte es auf ein Sieben-Tage-Inzidenz von 601,1 nach 603,1 am Vortag.

Intensivbettenzahl dürfte Mortalitätsrate beeinflussen

In Ländern mit verhältnismäßig niedriger Intensivbettenanzahl versterben mehr Menschen an Covid-19 als in Ländern mit höherer Ausstattung. Folglich sollte die Intensivmedizin in Zukunft weiter gestärkt werden, forderten Intensivmediziner bei einem Online-Pressegespräch der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) am Dienstag. Zu befürchten sei aufgrund der derzeitigen hohen Patientenanzahl ein Engpass bei Reha-Angeboten.

„In der Schweiz versterben fast doppelt so viele intensivpflichtige Covid-19-Patienten als in Österreich“, sagte Klaus Markstaller, Präsident der ÖGARI. Die Todesfälle in Relation zur Bevölkerung liegen hierzulande bei knapp 27 pro 100.000 Personen und damit deutlich niedriger als in unserem Nachbarland, das auf 47 Todesfälle pro 100.000 Personen kommt. Zurückzuführen sei das nicht auf die Fähigkeiten von Ärzten, sondern wohl darauf, wie die Intensivmedizin in einzelnen Ländern ausgebaut sei, so Markstaller. Schließlich existieren in der Schweiz lediglich 880 zertifizierte Intensivbetten, während es in Österreich über 2.000 sind.

"Die Belastungsgrenze wurde dadurch wohl früher als bei uns erreicht“, meinte der ÖGARI-Präsident. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man Deutschland mit einer Intensivbetten-Dichte von 33,9 pro 100.000 Einwohnern und knapp 17 Todesfälle pro 100.000 Einwohnern mit Spanien, das nur 9,7 Betten pro 100.000 Einwohner und mehr als 91 Todesfälle pro 100.000 Einwohner aufweist, vergleicht. „Die Intensivmedizin sollte in Zukunft ausgebaut werden, anstatt die angeblich viel zu hohe Intensivbettendichte zu kritisieren“, forderte Markstaller.

Die Mortalitätsrate bei intensivpflichtigen Covid-19-Patienten sinkt in Österreich. „Mittlerweile befinden wir uns bei 20 bis 30 Prozent der Intensivpatienten, solange die Intensivstationen nicht überlastet sind“, erklärte Walter Hasibeder, nächster Präsident der ÖGARI. Generell erkranke jedoch nur ein relativ kleiner Anteil der Infizierten schwer. Rund fünf Prozent würden Atemnot entwickeln und drei Prozent müssten intensivmedizinisch betreut werden. „Diese leiden aber an lebensbedrohlichen Zuständen, die wir kaum noch gesehen haben“, warnte Hasibeder.

Intensivmediziner: Hohe Covid-19-Patientenzahl könnte zu Engpass bei Reha-Angebot führen

Nach wie vor sei man weit davon entfernt, die Krankheit zu verstehen. SARS-CoV-2 sei vielfältig und extrem unberechenbar. „Wir sehen mitunter plötzliche Verschlechterungen von Patienten, die bereits eine Tendenz zur Besserung hatten“, erklärte der Intensivmediziner. Zudem gebe es nach wie vor keine gesicherte spezifische Therapie gegen das Virus.

Auch die mitunter auftretenden Spätfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 bereiten Sorgen. „Manche Patienten haben nach überstandener Erkrankung noch über Monate hinweg schwere Symptome wie massive Erschöpfung, Muskel- und Gelenkschmerzen oder Depressionen“, erklärte Hasibeder. Oft müssten sie noch einen Aufenthalt in einer Reha-Einrichtung absolvieren. Aufgrund der derzeit hohen Patientenzahlen könnte es in Zukunft einen Engpass bei Reha-Plätzen geben, warnte der Intensivmediziner.

Die Corona-Pandemie hat sich auch auf die Digitalisierung der Intensivmedizin - dem Hauptthema der anstehenden online stattfindenden ÖGARI-Jahrestagung - ausgewirkt. So hätten Krankenhäuser digitale Lösungen und Werkzeuge entwickelt, die die Transparenz etwa über Auslastungszahlen erhöhen. Aber auch die Patientenaufklärung über Telefon oder Internet sei vorangeschritten und könnte zukünftig beibehalten werden, so Oliver Kimberger, Vorstandsmitglied der ÖGARI.

Digitalisierung erhöht Transparenz und erleichtert Entscheidungsfindung

Künftig könnte die Digitalisierung Ärzte verstärkt auf Basis neuronaler Netze bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Viele Pilotprojekte sind bereits vorhanden, doch problematisch sei, dass oft noch nicht klar sei, warum ein neuronales Netz zu einer Entscheidung gelangt, erklärte Kimberger. Zudem sehe man des Öfteren, dass ein Arzt oder eine Ärztin zu selten oder zu oft alarmiert werde und dadurch eine „Alarmmüdigkeit" ausgelöst werde.

„Die Digitalisierung wird uns sicherlich nützen, aber Sicherheit wird vor allem durch Menschen vermittelt“, gab Eva Schaden, Stellvertreterin für den Bereich Intensivmedizin der ÖGARI, zu Bedenken. Besonders wenn man schwer erkranke, sei es von enormem Wert, wenn man von einem Menschen das Gefühl vermittelt bekomme, sicher zu sein. „Durch die Digitalisierung wird Zeit frei. Diese darf nicht wegrationalisiert werden. Ärzte sollten sich stattdessen mit der gewonnen Zeit Patienten widmen“, sagte Schaden.

Die Jahrestagung der ÖGARI mit dem Schwerpunkt Digitalisierung findet von 26. bis 27. November online statt. Alle Referenten haben ihre Redebeiträge bereits im Voraus abgegeben. Diese können zeitlich entkoppelt angesehen werden und stehen für zwei Monate zum Abruf bereit.

 
© medinlive | 15.05.2021 | Link: https://app.medinlive.at/wissenschaft/erstmals-ueber-700-intensivpatienten-oesterreich