| Aktualisiert:
Coronakrise

Forderungen nach totalem Lockdown werden lauter

Immer mehr Experten sprechen sich aufgrund der steigenden Zahl an Covid-Intensivpatienten für einen Lockdown für alle in Österreich aus. „Es geht sich sonst nicht mehr aus“, sagte Rainer Thell, leitender Oberarzt der Notfallaufnahme in der Klinik Donaustadt, ehemals SMZ Ost. „Es kann nicht sein, dass in Salzburg Menschen sterben, keine mutigen Entscheidungen getroffen werden, die auf der Hand liegen“, kritisiert er. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig schließt ebenfalls „keine Maßnahme aus“.

red/Agenturen

„Jetzt kann man Salzburg noch entlasten und Patienten nach Wien und Niederösterreich ausfliegen.“ Denn dort gebe es beispielsweise noch Betten für Covid-19-Patienten. Er könne es nicht akzeptieren, dass das Sterben zugelassen wird, sagte Thell. „Wenn wir jetzt nicht solidarisch sind, wann dann?“, fragte der Anästhesist und Intensivmediziner. „Wer jedoch glaubt, dass nur Salzburg und Oberösterreich stark betroffen sind, der irrt“, sagte er. „Die Welle wird sich weiter fortsetzen. Das Weihnachtsgeschäft und die Wintersaison sind in höchster Gefahr, wenn wir jetzt nicht auf die Vollbremse steigen“, sagte Thell.

Denn „sämtliche regionale, partielle oder Pseudo-Lockdowns werden das Problem nur in die Länge ziehen, aber nicht nach unten drücken. Es zieht sich für uns alle in den Köpfen wie ein Germteig“, sagte der Oberarzt. „Uns läuft schlicht und ergreifend die Zeit davon. Wir können auch nicht mehr bis Ende November warten. Mit einem befristeten Lockdown vermasseln wir es nicht, sondern investieren in eine ganz wichtige Sache: in den Advent und in Weihnachten“, sagte der Mediziner. „Wir alle leben in Wahrheit niemals in totaler Freiheit, sondern nur in Freiheitsgraden. Und jetzt müssen wir uns ganz einfach im Sinne derer, die in den Spitälern behandelt werden müssen, zurücknehmen, das ist alles.“

„Bevölkerung braucht dringend Vertrauen und Orientierung

Auch in Wien würden laufend weitere Covid-Stationen aufgemacht und andere Stationen geschlossen werden. Ständig müssten auch weitere Intensivbetten für Patienten zur Verfügung gestellt werden. Planbare Operationen werden verschoben oder sind gar eingestellt, damit die Covid-Patienten versorgt werden können. Auf den Nicht-Covid-Stationen müssen die Patienten immer mehr zusammenrücken. „Es verschiebt sich alles ununterbrochen nach hinten, das hat für alle enorme Auswirkungen“, erläuterte Thell. Notfälle - etwa nach einem Verkehrsunfall - werden selbstverständlich weiter versorgt, betonte der Mediziner.

In Salzburg ist die Lage besonders dramatisch, die Landeskliniken haben dort bereits ein sechsköpfiges Triagierungsteam nominiert, das aus fünf Medizinern verschiedener Fachbereiche und einer Juristin besteht. Sie müssen dann entscheiden, welche Patienten noch intensivmedizinisch behandelt werden können. Thell betonte jedoch, dass das Personal in den Notfallaufnahmen und Intensivstationen auf sich allein gestellt sei. „Um 2.00 Uhr in der Früh gibt es keine Kommission, die Entscheidungen trifft. Diese müssen dann ad hoc getroffen werden“, sagte der Intensivmediziner.

Derzeit gilt in Österreich der Lockdown für Menschen, die weder geimpft noch genesen sind. Dieser „trägt nur zur Spaltung der Gesellschaft bei“, kritisierte Thell. Außerdem lässt sich „nicht trennen, wer geimpft und ungeimpft ist. Wir alle, die Bevölkerung, brauchen dringend Vertrauen und Orientierung“. Ungeimpfte sollen nicht ausgesperrt werden, forderte Thell. Viele hätten Sorgen und Ängste, seien aber keine dezidierten Impfgegner. Ihnen müsse die Tür offen gehalten und sie eingeladen werden, „über ihren Schatten zu springen und ihre Position zu überdenken. Sie verlieren nicht ihr Gesicht, sondern zeigen wahre Größe, wenn sie sich zu einer Impfung entscheiden“, konstatierte der Arzt.

Krebshilfe fordert Lockdown für alle: „Gefahr in Verzug“

Auch die Österreichische Krebshilfe verlangt wegen „Gefahr in Verzug“ sofortige Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Darunter ist auch die Forderung nach einem „Lockdown für geimpfte und ungeimpfte Menschen in ganz Österreich - zumindest in den Bundesländern Oberösterreich und Salzburg“, hieß es am Mittwoch in einer Aussendung. Das sei nötig, um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im intensivmedizinischen Bereich (Herz- und Krebsoperationen, Unfälle etc.) zu gewährleisten.

„Noch nie zuvor gab es in Österreich die Situation, dass Krebspatientinnen und -patienten fürchten mussten, nicht entsprechend medizinisch versorgt zu werden“, sagte Krebshilfe-Präsident Paul Sevelda. „Wir erwarten von den politisch Verantwortlichen, dass sie zum Wohl der Bevölkerung endlich handeln und Parteiinteressen hintanstellen“, forderte der Mediziner.

„Keine Pandemie der Ungeimpften“

Die oberste Gesundheitsbeamtin im Gesundheitsministerium, Katharina Reich, plädiert zudem für Ausgangsbeschränkungen in der Nacht - auch für Geimpfte. „Ich glaube, dass wir das brauchen, tatsächlich“, sagte sie im ORF-„Report“. „Die Situation ist schon eine deutlich andere und deswegen ist meine Bitte: Wir müssen jetzt in einem gewissen Krisenmodus ankommen.“ Denn: „Es ist keine Pandemie der Ungeimpften, sondern wir sind in einem Stadium angekommen, wo es uns alle betrifft.“

Vorgeschlagen hatte einen solchen nächtlichen Lockdown auch für die Geimpften zuletzt am Sonntag Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). Der Koalitionspartner in Person von Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) wies dies jedoch postwendend strikt zurück. Für den Mittwoch hat Mückstein eine Neubewertung der Lage angekündigt - zehn Tage nach Inkrafttreten der „2G-Regel“ am Montag vor einer Woche.

Reich sagte dazu am Dienstagabend im ORF-„Report“, sie glaube, „dass die maximalsten Maßnahmen, die wir jetzt schaffen, ohne die Geimpften stark zu beschneiden“, die besten wären. Eine „kleine Beschneidung“ auch der Geimpften werde aber notwendig sein. „Ich weiß aber, dass es politisch nicht einfach ist.“

Als „grobe Regel“ schlägt Reich vor, von allen sozialen Kontakten „quasi nur noch die Hälfte“ zu bestreiten. „Ich glaube, dass Regeln immer einfach nachzuvollziehen sind und wir mit einer Bitte wahrscheinlich in dieser jetzigen Lage zu wenig haben“, plädierte sie für weitere Vorgaben.

Gefragt, ob der Alarmzustand im Land zu gering sei, verwies sie auf die sich dramatisch zuspitzende Situation in einigen Bundesländern: „Salzburg hat wirklich 'Land unter' - hier wird offen über die Triage diskutiert, hier wird offen darüber diskutiert, wohin legen wir die nächste Rettung. Deshalb bin ich für eine Notbremse: Alles runterfahren, was nicht notwendig ist, uns in einen gewissen Modus begeben, der der Lage da draußen entspricht“ - in einen „Krisenmodus“.

Auf die Frage, ob es auch einen generellen Lockdown für alle (auch tagsüber) in besonders stark betroffenen Regionen geben sollte, sagte Reich: „Wir wissen, dass der Lockdown die härteste Maßnahme ist. Er ist aber auch - wenn es ein wirklich guter Lockdown ist - eine gute Maßnahme. Die ist wohlüberlegt und wird keinem einzigen Landeshauptmann leichtfallen.“

Ludwig verweist auf einmalige Dynamik

Sympathien für die Vorschläge Reichs ließ im Anschluss der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) erkennen: „Ja, ich gebe Frau Dr. Reich reich völlig recht“, es gebe eine „sehr ernste Situation, die Zahlen steigen österreichweit in allen Bundesländern“. Zwar verwies Ludwig auf die im Vergleich mit den anderen Ländern bessere Situation in der Bundeshauptstadt, aber auch hier würde es eine „steigende Dynamik“ bei der Inzidenz geben. Konkret nach Ausgangssperren auch für Geimpfte gefragt, sagte Ludwig: „Man kann in der jetzigen Situation gar nichts ausschließen. Die Zahlen steigen dynamisch, in einem Tempo, wie wir das in der ganzen Corona-Pandemie noch nicht erlebt haben.“

Auf die Frage, ob er es verstehe, dass einzelne Bundesländer trotz dramatischer Lage keinen allgemeinen Lockdown verhängen, sagte Ludwig, er maße sich nicht an, die Situation in anderen Ländern zu bewerten. Sollte der Bund einen Lockdown für ganz Österreich entscheiden, „dann wird das von allen mitzutragen sein“, betonte er aber. Er wolle aber „den Kollegen, den Landeshauptleuten“ über die Medien nichts ausrichten. Und es sei auch sehr wohl eine Krise der Geimpften, verwies Ludwig darauf, dass etwa auch Intensiv-Betten für Patienten abseits von Corona wegen der vielen Covid-Patienten knapp werden könnten. „Die Ankündigung, die Pandemie sei gemeistert, die Pandemie für die Geimpften ist gemeistert, das war immer schon falsch“, nahm er Bezug auf die von der ÖVP im Sommer und bis in den Herbst hinein propagierte Linie.

 

WEITERLESEN:
„Hochdynamische" Lage in Österreich