Evolution des Menschen - Wie Wien zum Forschungs-Schwergewicht wurde

Der Medizin-Nobelpreis für den schwedischen Paläogenetik-Pionier Svante Pääbo hat die Forschung an Erbgut-Spuren von Vorfahren des modernen Menschen in den Fokus gerückt. In den vergangenen Jahren waren in Wien tätige Wissenschafter an erstaunlichen Publikationen beteiligt, die einstige Verwandtschaftsbeziehungen aufklärten und Einsichten in die Lebensweise vor Zehntausenden Jahren lieferten. Mitentscheidend dafür ist ein Forschungsverbund an der Uni Wien und der Brexit.

red/Agenturen

Pääbo gelang als erstem Wissenschafter die Sequenzierung des Genoms des Neandertalers. Mit neuen Methoden, die der Nobelpreisträger entscheidend mitentwickelt hat, können mittlerweile DNA-Spuren aus Proben analysiert werden, die in Ausnahmefällen Hunderttausende Jahre alt sind. Das hat etwa zur Entdeckung der Denisova-Menschen geführt - und zwar nur auf Basis von genetischen Analysen, denn Knochenfunde dieser rätselhaften Menschen-Vorfahren sind bis heute äußerst rar.

Ganz anders die Publikationen in hochrangigen Fachzeitschriften, die sich mit der Analyse „alter DNA“ beschäftigen. So konnten etwa Ende 2021 die mit einem Alter von rund 200.000 Jahren ältesten Überbleibsel der Denisova-Menschen analysiert werden. Neue Einsichten in die Ankunft des modernen Menschen schon vor rund 54.000 Jahren in Südfrankreich wurden erst im Frühjahr präsentiert. Auch die Geschichte des Erbgut-Austausches zwischen unseren direkten Vorfahren mit Neandertalern und Denisovanern wird durch kontinuierliche wissenschaftliche Arbeit immer greifbarer. Durch Kontinuität sind auch Beiträge von in Wien tätigen Forschern wie etwa Tom Higham, Ron Pinhasi oder Katerina Douka an diesen Untersuchungen geprägt.

Wichtig für diese Entwicklung war die Einrichtung des Forschungsverbundes „Human Evolution & Archeological Sciences“ (HEAS). „Wir arbeiten an der biologischen und kulturellen Evolution des Menschen“, erklärte HEAS-Leiter Gerhard Weber im Gespräch mit der APA den umfassenden Ansatz. Die beiden Aspekte könne und dürfe man mit Blick auf die vergangenen zwei Millionen Jahre der erweiterten Menschheitsgeschichte auch nicht trennen. Die kulturelle Entwicklung habe die biologische Anpassung stark beeinflusst, so der Forscher, der am Dienstagabend im Rahmen der Wissenschaftspreise NÖ mit einem „Würdigungspreis“ ausgezeichnet wird.

Für diese Herangehensweise könne man mittlerweile auf ein Team aus unzähligen Fachgebieten - von der Anthropologie, über die naturwissenschaftlich orientierten Teile der Archäologie, die Physik, Paläontologie, Geochemie, Bioinformatik, etc. - zählen. „Da ist alles drinnen in unserem Gewerbe. Das ist das Coole“, sagte Weber. Ziel war es, im 2021 gestarteten Verbund „schlagkräftiger“ zu werden und auch die bestehenden Forschungsinfrastrukturen, wie etwa den Massenspektrografen „Vienna Environmental Research Accelerator“ (VERA) vermehrt zu nutzen. Mit an Bord ist seit kurzem u.a. auch das Naturhistorische Museum (NHM) Wien.

Hintergrund der „Venus von Willendorf“ erforschen

Der Forschungsverbund ist mit einem Budget der Uni und von externen Partnern in der Höhe von 110.000 Euro ausgestattet. „Wir konnten einen richtig großen Schwung erzeugen“, meint Weber, der den Zusammenschluss seit rund einem Jahr aufbaut und nach zwei Jahren dann die Leitung an Higham abgeben wird. Das Department für Evolutionäre Anthropologie der Uni Wien habe sich zuletzt personaltechnisch in etwa verdoppeln können. Die Frauenquote liege bei etwa zwei Drittel. „Große Kaliber“ in dem Feld hätten an der Uni Wien angedockt. Dazu habe auch der Brexit beigetragen, der renommierte Leute etwa aus Oxford oder Cambridge nach Wien schielen ließ. So wechselte beispielsweise Highham im Vorjahr von einem Direktorenposten an der University of Oxford in die Bundeshauptstadt.

Aufmerksam auf Wien wurden auch Vertreter des Fachmagazins „Nature“, die kürzlich zu Besuch waren, so der Anthropologe, der Wien neben Leipzig, Tübingen oder Großbritannien zu einem der „ganz großen Zentren“ zählt: „Da sind wir schon ein Schwergewicht. Das kann man ohne Arroganz so sagen.“ Der Austausch unter den Kollegen u.a. am neuen Biologiezentrum in Wien-Landstraße wirke jedenfalls sehr belebend.

Sehe man sich heutige Grabungen an, habe sich einiges verändert. So könne man jetzt auch kleinste Funde analysieren, die „man früher eher vor die Höhle geschaufelt hat“. Mittlerweile lassen sich winzige Überreste von Tieren, die etwa in einer Höhle verarbeitet wurden, zuordnen und erstaunlich genau datieren. Nach DNA suche man etwa auch schon in Tropfsteinen und Keramikresten.

Weber möchte sich zum Beispiel in Zukunft stärker mit der Frage beschäftigen, wo die Menschen, die die „Venus von Willendorf“ schufen, herkamen und hingingen. Zusammen mit Kollegen konnte der Forscher im Februar im Fachjournal „Scientific Reports“ zeigen, dass das Gestein der rund 30.000 Jahre alten Statuette höchstwahrscheinlich aus der Nähe des Gardasees stammt. Wie diese Verbindung einst zustande kam, sei völlig offen. So könnte man etwa in den Alpen nach Hinweisen suchen, ob die Menschen früher vielleicht sogar die Bergkette direkt überwunden haben oder sie großräumig umgangen haben. Ein weiteres spannendes Rätsel ist, warum in Österreich bisher kein Neandertaler gefunden wurde, obwohl sie einige Artefakte hinterließen, erklärte der Anthropologe.