Ukraine-Krieg

Caritas Russland: Viele haben Angst, Sanktionen wenig spürbar

Der Leiter der Caritas in Russland, Pfarrer Marcus Nowotny, sieht kaum Auswirkungen der westlichen Sanktionen auf den russischen Alltag. „Wer Coca Cola liebt, muss sich natürlich umorientieren, andere sanktionierte Produkte kommen über Umwege ins Land“, sagte Nowotny am Dienstag der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA laut Kathpress in Freiburg.

red/Agenturen

„Die Menschen in Russland sind es aus Zeiten des kommunistischen Regimes gewöhnt, dass nicht immer alle Waren verfügbar sind und sind entsprechend kreativ und geduldig“. Inwieweit Sanktionen Druck aufbauten, sei fraglich.

Unabhängige Informationen schwierig

Der aus Deutschland stammende Nowotny, der seit 1999 in Russland arbeitet, sieht eine zunehmende staatliche Propaganda, der sich viele Menschen nicht entziehen könnten. Es sei unklar, wie viele Russinnen und Russen sich unabhängig informierten. Stark angestiegen sei aber die Zahl derer, die über spezielle Internetverbindungen vom russischen Staat blockierte Seiten aufrufen. In Russland gebe es keine unabhängig berichtenden Medien. „Aber wer will, kann durchaus auch in russischer Sprache unabhängige Informationen erhalten, die Journalisten außerhalb Russlands bereitstellen.“

„Viele Menschen haben Angst“

Der 49-jährige Priester betonte, viele Familien in Russland hätten Verwandte oder Freunde in der Ukraine und ständen mit ihnen in Kontakt. Zugleich gebe es große Angst vor neuen Einberufungen in die russische Armee. Eine steigende Zahl arbeitsfähiger Männer fehle in den Betrieben. Immer mehr Familien betrauerten den Tod des Vaters, Bruders oder Sohnes, die in der Ukraine gefallen sind. Offene Kritik am Regime sei sehr gefährlich, so der Priester. Schon für die geringsten Proteste drohten lange Gefängnis- oder Geldstrafen, die höher als das monatliche Einkommen vieler Russen seien: „Viele Menschen haben Angst.“

Die ideologische Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche für Staatspräsident Wladimir Putin beschrieb Nowotny als Konsequenz der Bindung der orthodoxen Kirche an den Staat. „Patriarch Kyrill folgt zu 100 Prozent der vom Kreml vorgegebenen Linie.“ Wie stark die Identifikation bei den russisch-orthodoxen Priestern oder in den Kirchengemeinden gegenüber der Regierung ausfalle, sei eine völlig andere Frage.

Immer mehr brauchen Unterstützung

Infolge auch in Russland steigender Preise wachse die Nachfrage bei den Suppenküchen und Familienzentren der Caritas, berichtete Nowotny. „Wir wissen, dass für viele Kinder oder Rentner das Mittagessen der Caritas die einzige Mahlzeit am Tag ist.“ Er rief die Katholiken in Westeuropa zu weiterer Unterstützung für die Caritas-Arbeit in Russland auf und dankte für Spenden.

In Russland gibt es vier römisch-katholische Diözesen mit etwa 200 Kirchengemeinden. In den landesweit 60 Caritaszentren und Projekten sind 200 Mitarbeitende beschäftigt. Nowotny leitet die russische Caritas seit März. Er stammt aus Deutschland und ging 1992 nach Russland, wo er an verschiedenen Standorten für die katholische Kirche arbeitete.